5 Vorurteile gegenüber Kurzgeschichten

Lasst die Korken knallen, heute wird Buchgeburtstag gefeiert!

Im Januar 2020 habe ich meine erste Kurzgeschichtensammlung „Anleitung im Korb geben“ auf die Menschheit losgelassen. In einem Jahr ist viel passiert und mein Buchbaby hat noch einmal eine krasse Entwicklung hingelegt, weshalb es Anfang November 2020 zur Wiedergeburt kam: die Zweitauflage ist so viel reifer, ausgeklügelter, tiefer und einfach viel, viel besser geworden!

In „Anleitung im Korb geben“ straucheln die Protagonisten in sieben Kurzgeschichten durch ihre Lebenssituationen. Unter dem Hauptthema, aber auf unterschiedliche Weise geht der Leser auf die Reise oder ist Teil der Gefühlswelt der Figuren.

Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen, enthalten wenig Text und wenig Inhalt – oder? Sie werden oftmals wegen ihrer Größe belächelt – aber ist das berechtigt?

Anlässlich des Geburtsmonats meines Buches möchte ich 5 Vorurteilen gegenüber Kurzgeschichten den Gar ausmachen.

Vorurteil 1: Kurzgeschichten sind nur was für Kinder

Weil sie ja nur einen kurzen Umfang haben, sind kurze Geschichten eine hervorragende Lektüre für Kinder. Aufgrund ihrer kurzen Aufmerksamkeitsspanne sind Kinder einfach noch nicht reif genug, um eine ganze Novelle oder einen dicken Roman zu lesen.

Aber stimmt das? Ich denke nicht, dass Short Stories nur etwas für Kinder sind, zumal Kinder auch schon Romane lesen (können). Denn die Themen, die hier in Momentaufnahmen behandelt werden können, müssen sich nicht zwingend um eine nimmersatte Raupe drehen. Kurzgeschichten sind experimentell, vermitteln auch für Erwachsene eine wichtige Botschaft und bieten sich auch für den Leser an, der nicht so viel Zeit fürs Lesen aufwenden kann. Kurzgeschichten sind deswegen eine tolle Lektüre für den Weg zur Arbeit, für die Wartezeit beim Arzt oder vor dem Schlafengehen.

Vorurteil 2: Kurzgeschichten zu schreiben ist ein Klacks

Wenn du als Autor Übung brauchst, dann versuch dich an Kurzgeschichten. Die sind ganz einfach und schnell geschrieben und sind überhaupt nicht anspruchsvoll, dachte ich. Es ist immerhin nur eine Szene, die ist schnell verfasst und es wird auch immer was Gutes draus.

Ach, wie süß naiv ich war!

Ja, sie sind kürzer als ein Roman oder gar eine Novelle. Und ja, sie haben nicht so viele Figuren, die komplex miteinander verwoben sind. Auch die Handlung ist weniger verschachtelt wie in einem dicken Wälzer. Aber richtig gute Kurzgeschichten, die den Leser packen, in ihren Bann ziehen, ihn einmal ordentlich durchkauen, ausspucken und dann halbgar liegen lassen – das können nicht alle Schreiber mit ihren Short Stories erreichen. Vor allem dann nicht, wenn sie behaupten, Kurzgeschichten zu schreiben, wäre ein Klacks.

Vorurteil 3: Kurzgeschichten sind anspruchslos

Das bringt uns zu Vorurteil Nr. 3. Weshalb viele Romanautoren keine Sachbuchautoren oder Berichterstatter sind, liegt daran, dass sie viel zu gerne ausführlich beschreiben, weitläufig um die Kernaussage herum schreiben und auch gerne mal ins Palavern kommen. Das geht bei Short Stories nicht! Fesselnde Kurzgeschichten packen den Leser mit aller Gewalt ab dem ersten Satz, schütteln ihn durch jeden Absatz durch bis ihm schwindelig ist und lassen ihn erst mit dem letzten Satzzeichen wieder los. Aber da lässt die Wirkung noch nicht nach: Oftmals sind die Enden so vage formuliert, dass sie viel Raum für Fantasie lassen. Es soll der Fortgang oder das Endergebnis nur angedeutet werden, damit der Leser nur eine grobe Vorstellung davon hat und sich weiterhin mit der Geschichte und ihren Figuren beschäftigt. Dass der Leser nach Beenden sie in Gedanken noch nicht loslassen kann, sich fragt, was wäre gewesen oder wie würde es weitergehen oder was wollte mir der Autor damit sagen – dann ist sie gut!

Das ist eine Königskunst!

(Ob mir das mit „Anleitung im Korb geben“ gelungen ist, musst du hier >>> selbst beurteilen)

Vorurteil 4: Kurzgeschichten sind belanglos

Mit Short Stories lassen sich hervorragend kontroverse Themen behandeln, über die man anschließend diskutieren kann. Sie eignen sich schon aus diesem Grund sehr gut als Schullektüre. Sei es Politik, das Weltgeschehen oder die Historie, wie der zweite Weltkrieg (Heinrich Böll – Wanderer, kommst du nach Spa), oder sozialkritische Themen (Kafka – die Verwandlung): Auf nur wenigen Seiten kann so viel Botschaft vermittelt werden, dass sich super in einer Runde darüber diskutieren lässt.

Vorurteil 5: Namenhafte Autoren geben sich nicht mit Kurzgeschichten ab

Um auch die letzten Zweifel an Kurzgeschichten endgültig aus dem Weg zu schaffen, kommen wir zum letzten Punkt: Kurzgeschichten seien nur etwas für Anfänger in der „Schreibszene“.

Der große Meister Stephen King schreibt laut eigenen Aussagen nach wie vor Kurzgeschichten und hat in seinem Leben schon viel mehr Kurzgeschichten geschrieben, als du und ich zusammen bereits gelesen haben. Sie helfen ihm, die Inspiration am Laufen zu halten.

Kennst du den Film „Good Will Hunting“? Die Idee zum Film von und mit Matt Damon und Ben Affleck entstand aus einer 30-seitigen Kurzgeschichte der beiden, die sie auf der Uni geschrieben haben.

 

Na, wer belächelt hier noch die ebenbürtige Schwester des Romans?! 😉

Vorurteile gegenüber Kurzgeschichten

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2 Kommentare zu „5 Vorurteile gegenüber Kurzgeschichten“

  1. Super Blogeintrag! Kann nur zustimmen – habe das auch gleich auf Twitter ge-retweetet 🙂

    Ich lese übrigens sehr gern Kurzgeschichten und rezensiere die regelmäßig. Selber schreibe ich auch welche und finde das oftmals sehr, sehr schwer!

    LG Yvonne

    1. Danke für dein Feedback und den Retweet, Yvonne. 🙂
      Ich persönlich finde sie auch schwer zu schreiben. Und wenn sie mich selbst nicht packen, dann steckt da noch sehr viel Arbeit in der Geschichte.

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Mirjam-Sophie Freigang